Muscheln, Matsch und Meerjungfrauen – Meine Rückkehr ins Wangerland

von 03.Jul.20220 Kommentare

Die erste bewusst erlebte Urlaubsreise ist wahrscheinlich ziemlich prägend für weitere Reisevorlieben. Die erste Reise mit meinen Eltern ging 1985 nach Schillig im Wangerland. Seitdem liebe ich das Meer, ganz besonders das Wattenmeer. Wie oft ich seit damals dort war, weiß ich gar nicht mehr, aber es hat mich in meinem Leben immer wieder dorthin gezogen.

Als wir im Mai 2021 beschlossen, wegen der ungewissen Pandemielage unsere Schwedenpläne auf Eis zu legen, war ziemlich schnell klar, dass wir dann an die Nordsee fahren werden. Schließlich war ich dort noch nie mit Klaus und Lundi. Mit etwas Glück haben wir „auf den letzten Drücker“ noch zwei passable Unterkünfte gefunden und haben zwei Wochen im Wangerland verbracht, über die wir nun gern berichten wollen.

Blühende Salzwiese bei Hooksiel

Blühende Salzwiese bei Hooksiel

„Wo das Seewief zuhause ist“

Die Gemeinde Wangerland liegt in Ostfriesland, nahe Wilhelmshaven und Jever. Die bekanntesten und schönsten Badeorte sind Horumersiel, Schillig und Hooksiel. Weil wir so spät gebucht hatten, mussten wir unseren Aufenthalt auf zwei Quartiere aufteilen. In der ersten Woche waren wir in Hooksiel, in der zweiten direkt am Deich zwischen Horumersiel und Schillig. Bei der Quartiersuche war mir die Nähe zum Wasser wichtig, rückblickend würde ich aber sagen, wenn man sowieso Fahrräder mietet (was zu empfehlen ist), kann man ruhig ein Stück weiter im Landesinneren z.B. in den Orten Hohenkirchen oder Minsen fürs gleiche Geld eventuell schönere Quartiere finden, die etwas abseits von touristischen Pfaden liegen. Wir sind mit den Rädern an vielen kleinen Ferienbauernhöfen vorbeigekommen, die durchaus reizvoll aussahen für künftige Nordseeurlaube.

Die Nixe ziert auch das Wappen des Wangerlandes

Die Nixe ziert auch das Wappen des Wangerlandes

Direkt bei der Ankunft in Hooksiel prangt die barbusige Nixe auf dem Ortsschild und weckt Kindheitserinnerungen, hing doch ein Bild von ihr damals in unserem Ferienhaus-Kinderzimmer. Bei der Nixe handelt es sich um das Minsener Seewief, die einer mittelalterlichen Sage nach von zwei Fischern im Netz gefangen wurde. Aus Rache schickte das Seewief alle paar Jahren große Sturmfluten ins Wangerland. Heute ist das Seewief das Wahrzeichen der Region, eine Bronzeskulptur kann man in Minsen bewundern.

Statue vom Minsener Seewief, Nixe im Wangerland

Statue vom Minsener Seewief

Mit dem Rad unterwegs

Sobald das Quartier feststand, haben wir bequem von zuhause online Fahrräder und einen Kindersitz für den Gepäckträger gebucht. Inwieweit im Voraus das nötig ist, weiß ich nicht, fest steht aber, dass man spontan nichts mehr bekommen hätte. Gerade an den klassischen Anreisetagen ist die Halle beim örtlichen Vermieter nach wenigen Stunden wie leer gefegt. Wir haben unsere Räder bei Nordseerad gebucht, offenbar DER Fahrradverleiher im Wangerland. Die leuchtend orangenen Räder sah man überall. Buchung, Abholung und Service funktionierten unkompliziert und am letzten Verleih-Tag kann man die Räder einfach auf den Hof stellen, abschließen und den Schlüssel in den Kasten werfen, so dass man sie wirklich bis zuletzt unabhängig von Ladenöffnungszeiten benutzen kann.

Mit ausgeliehenen Fahrrädern unterwegs, Nordsee, Hooksiel

Mit ausgeliehenen Fahrrädern unterwegs

An der Nordsee ist Radfahren für uns die bevorzugte Fortbewegungsart. Klar, bei Gegenwind wird’s auch mal anstrengend, aber auf dem platten Land kommt man doch trotzdem ganz gut voran und macht schnell viele Kilometer. In Horumersiel, Schillig und Hooksiel findet man mit dem Auto darüber hinaus kaum Parkplätze. Das haben wir am Tag unseres Quartierwechsels deutlich zu spüren bekommen, als wir für wenige Stunden in Horumersiel parken wollten. Gar nicht so einfach. Und es ist einfach herrlich am Deich entlang zu radeln, vorbei an Schäfchen, Wasservögeln und immer ein bisschen salzigen Meeresgeruch in der Nase. Abends ist man dann auf ganz angenehme Weise richtig müde.

Fahrradweg direkt an der Küste des Nationalparks Wattenmeer, Horumersiel

Fahrradweg direkt an der Küste des Nationalparks Wattenmeer

Lundi wird Watt-Detektivin

Ich muss ja gestehen, dass ich es noch viel spannender finde, wenn das Wasser nicht da ist und ich es liebe mit nackten Füßen durch Schlick und Watt zu laufen und nach Muscheln, Strandgut und Tieren Ausschau zu halten. Davon musste ich Klaus und Lundi erst überzeugen. Die beiden machen sich nicht so gern die Füße schmutzig und für Lundi war es tatsächlich etwas schwer zu verstehen, warum das Wasser auf einmal weg ist und man nicht jederzeit „mit dem ganzen Körper baden“ kann. Zum Glück waren wir zwei Wochen da, in denen wir eigentlich alles an Wetter hatten – außer Schnee! Also haben wir sowohl gebadet, als auch schöne Wattwanderungen gemacht, Muscheln und Watttiere gefunden.

Ein Highlight unserer Zeit an der Nordsee war die geführte Familienwattwanderung mit dem Nationalparkführer Rolf Gerdes. Er bietet geführte Wattwanderungen aller Art an: kürzere Touren für Menschen ab 8, mehrstündige Wanderungen zu Halligen für Erwachsene als auch eine 90-minütige Familienwattwanderung für Kinder jeden Alters. Wir haben die Familienwattwanderung „Watt-Detektive“ gebucht, sie startete in unserem Fall vormittags kurz vor Niedrigwasser. Den Zeitplan machen allerdings die Gezeiten, auf der Homepage gibt er Auskunft über die Touren und informiert auch zeitnah, wenn die Wanderung aufgrund von Gewitter oder Sturm nicht stattfinden kann. Eine Anmeldung per E-Mail ist unbedingt erforderlich.

Rolf hat eine sehr kindgerechte Ansprache, aber auch für Erwachsene ist es interessant und sehr lehrreich. Vom Strandhaus 1 geht man bis zur Wasserkante. Zwischendurch gibt es immer wieder Stopps und Rolf erklärt großen und kleinen Wattdetektiven viel über den Nationalpark Wattenmeer und seine Bewohner. Der erste Suchauftrag lautet Herzmuscheln. Rolf zeigt den Kindern, wonach sie schauen sollen und erklärt dann, woher die Herzmuschel ihren Namen hat. Das sieht man allerdings nur, wenn sie noch beide Klappen hat und man sie von der Seite betrachtet.

Mit unserem Wattführer auf Erkundungstour

Mit unserem Wattführer auf Erkundungstour

Das nächste Highlight sind Einsiedlerkrebse. Rolf weiß, wo man ganz sicher welche findet, nämlich entlang der Priele. Es wird so lange gewartet, bis jedes Kind einen gefunden hat und ihn über die kleinen Händchen hat krabbeln lassen. An der Wasserkante erklärt Rolf den Unterschied zwischen Ebbe und Flut, so ganz genau wusste ich das bisher auch nicht. Er steckt seine große Forke an die Wasserkante und erzählt erstmal was und ehe man sich versieht, hat das Wasser die Forke eingeholt und umspült ihren Stiel. Aha, wir haben also bereits Flut, obwohl man meterweit übers Watt an Land schauen kann.

Ein im Watt gefundener Einsiedlerkrebs

Ein im Watt gefundener Einsiedlerkrebs

Natürlich gehören zu einer gelungenen Wattwanderung auch Wattwürmer. Deren Hinterlassenschaften, die man auch Spagettihäufchen nennt, hatten wir schon zuhauf im Watt gefunden, die Würmer halten sich aber eigentlich im Verborgenen. Rolf verzichtet bei seinen Wattwanderungen darauf, Wattwürmer vor den Augen der Besucher auszugraben, das erledigt er lieber vorher bei einer einsamen Wattwanderung. Außerdem ist ja auch immer noch Pandemie und einen Wattwurm von Hand zu Hand zu geben ist aus hygienischen Gründen ausgeschlossen. Also hat Rolf einfach für jede Familie einen eigenen Wattwurm im großen Schraubglas dabei. Ich bin ein bisschen skeptisch, als Rolf die Kinder auffordert, sich ‚ihren‘ Wurm zu holen, aber Lundi marschiert beherzt los und holt unseren Familienwurm. Nun wird gespannt beobachtet, wie der Wurm sich wieder ins Watt eingräbt. Vorher darf auch keiner von der Seite seines Wurms weichen, zu groß ist die Gefahr, dass er so von der nächsten Möwe geschnappt wird.

So sieht also ein Wattwurm aus!

So sieht also ein Wattwurm aus!

Auf dem Rückweg zum Strandhaus 1 geht es nochmal zu einem Priel mit richtig viel tollem Matsch. Die meisten Kinder hatten riesigen Spaß, nur unseres wollte nun zurück und sich wieder die Füße duschen.

Übrigens: das richtige Schuhwerk für Wattwanderungen sind nicht etwa Gummistiefel, denn die bleiben gerne mal stecken. Mit Wasserschuhen, dicken Tennissocken (so macht es der Profi) oder einfach barfuß (aber Achtung, man kann sich an Muscheln ordentlich schneiden) geht es besser.

Während der Wattführung gefundene Strandkrabbe, Hooksiel

Während der Wattführung gefundene Strandkrabbe

Weitere Ausflugstipps

Das Nationalparkhaus in Minsen – von Lundi liebevoll Junior-Ranger-Haus genannt – ist ein kleines Museum über den Nationalpark Wattenmeer. Es gibt Dioramen mit vielen kleinen Miniaturen, Experimentierkästen, viele Infotexte, ausgestopfte Nordseetiere und vieles mehr. Das Highlight für Lundi ist aber das Aquarium mit Schollen und Seesternen. Der Eintritt ist kostenlos und man achtet darauf, dass nur eine begrenzte Zahl an Personen eingelassen wird. So kam es zu einer ganz kurzen Wartezeit, aber das ist für Hochsommerverhältnisse eigentlich kaum der Rede wert.

Ausstellung im Nationalparkhaus Minsen, Wangerland

Ausstellung im Nationalparkhaus Minsen

Miniatur-Nixe im Diorama des Nationalparkhauses

Miniatur-Nixe im Diorama des Nationalparkhauses

Empfehlenswert ist auch ein Abstecher ins nahegelegene Jever, das übrigens „Jefer“ und nicht wie in der Bier-Werbung „Jewer“ gesprochen wird. Hier gibt es einen netten kleinen Wochenmarkt, eine schöne Altstadt mit einem historischen Kinderkarussell. Im Schloss Jever gibt es ein schönes Café, wo man echten Ostfriesentee mit Wölkchen und Kluntjes bekommt. Ein weiteres Highlight sind die Pfauen im Schlossgarten.

Pfauen im Schlosspark von Jever

Pfauen im Schlosspark von Jever

Gastronomietipps:

Grundsätzlich müssen wir sagen, dass wir pandemiebedingt nur draußen gegessen haben. Trotz wechselhaften Nordseewetters hat das gut geklappt, da viele Außenbereiche überdacht waren.

  • Karsta´s Pfannkuchen- und Kartoffelhaus (Hooksiel): Neben süßen und herzhaften Pfannkuchen gibt es bei Karsta Kartoffelpuffer (unbedingt auch die Kartoffelpufferpizza probieren) und Aufläufe. Die Terrasse ist teilweise überdacht und es gibt mehrere Strandkörbe.
  • Porträtgalerie (Horumersiel): Hier gibt es wunderbare Blechkuchen, die immer leicht warm sind und ganz knackige Streusel haben, außerdem eine kleine Speisekarte mit Klassikern (z.B. Kapitänsfrühstück: Rotbarsch, Krabben und Matjes mit Bratkartoffeln und Schmandsauce). Das Personal ist sehr kinderfreundlich und Lundi war ganz wild auf Limo im kleinen Schnapsgläschen.
  • Café Stövchen (Hohenkirchen): Hier gibt es fantastische Kuchen und Torten, frühstücken kann man auch ganz gut. Es gibt eine große Terrasse, hier hat man zwar einen wenig idyllischen Blick auf die Dorfstraße, da aber im Ort eh nix los ist, stört das wenig.
  • Käptns Fischhus (Horumersiel): Eigentlich ist das Fischhus eher ein Imbiss mit Selbstbedienung, liegt aber direkt am Hafen mit maritimem Ambiente. Sitzen kann man auf der zum großen Teil überdachten Terrasse. Hier gibt es die besten Fischbrötchen und auch norddeutsche Klassiker.
Unsere leckere Auswahl im Pfannkuchenhaus Hooksiel

Unsere leckere Auswahl im Pfannkuchenhaus Hooksiel

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Fazit

Ganz grundsätzlich muss ich sagen, dass ich mir das mit der Hochsaison im Corona-Sommer, wo alle in Deutschland urlauben wollen, doch schlimmer vorgestellt hatte als es war. Es verläuft sich alles recht gut und wir hatten nie das Gefühl, dass etwas zu voll ist und wir lieber flüchten wollen. Wir kennen es natürlich auch nicht anders, weil wir ja schon so lange auf die Ferien angewiesen sind.

Ich habe mich sehr über das Wiedersehen mit dem Wangerland gefreut und Lundi spielt mit dem Playmobil-Camper nun immer öfter „Urlaub an der Nordsee“.

Typisch Nordsee, grasende Schafe auf dem Deich

Typisch Nordsee, grasende Schafe auf dem Deich

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