Glücksfall Lake O’Hara – die Rockies so wie früher erleben

von | 30.03.2017 | 6 Kommentare

Wie muss es früher wohl in den kanadischen Rocky Mountains gewesen sein, z.B. im Sommer am Lake Louise oder Emerald Lake, als diese heutigen Hotspots noch nicht täglich scharenweise von Menschen mit PKW und Tourbussen aufgesucht wurden?

Am Lake O’Hara im Yoho National Park konnte diese Stimmung konserviert werden, weil dieses Kleinod nur von einem Shuttlebus angefahren wird, um Tagesbesucher zum See zu transportieren. Wir gehörten zu den Glücklichen, wollen davon berichten und dir erklären, wie du selbst in den Genuss kommen kannst. Also der Reihe nach:

11 km Schotterstraße zum Lake O’Hara – nur mit dem Bus oder zu Fuß

Bei der Planung unserer Kanada-Reise hatte ich zwar schon vom Lake O’Hara und dem Shuttle-Bus gelesen, so richtig klar geworden ist mir die Situation aber erst beim Lesen eines Berichts über die hohe Nachfrage für die wenigen reservierbaren Plätze. Ich hatte Blut geleckt, wollte es unbedingt schaffen, uns einen Platz im Bus zu sichern.

Der See liegt im Yoho Nationalpark, mitten in den Rocky Mountains und dort gibt es nach wie vor keine asphaltierte Straße. Der einzige Zubringer ist eine Gravel oder Dirt Road, die wir nur als breiteren Waldweg bezeichnen würden. Der Weg ist 11 km lang, führt vom Trans Canada Highway zum See und ist für öffentlichen Verkehr gesperrt.

Grundsätzlich gibt es für Tagesbesucher nur zwei Möglichkeiten, zum Lake O’Hara zu gelangen:

  1. Einen Shuttle-Bus nehmen. Plätze sind reservierbar, aber heiß begehrt und im Nu ausgebucht (Details am Ende des Beitrags). Man kann auch versuchen, vor Abfahrt am Parkplatz zu erscheinen und darauf zu hoffen, dass jemand seine Reservierung verfallen lässt – die Chancen sind eher gering. Es fahren nur 2 Busse pro Vormittag.
  2. Zu Fuß vom Parkplatz am TCH bis zum See wandern. Das sind 11 km auf derselben Strecke, die der Bus fährt. Die wirklich schönen Routen beginnen aber erst am See und dann hat man schon 11 km in den Beinen…

Die Rückfahrt mit dem Bus kann nicht reserviert werden, er fährt mehrmals nachmittags zurück und nimmt dann auch diejenigen mit, die den Hinweg gewandert sind.

Bei einer Übernachtung in der Lake O’Hara Lodge oder auf dem Einfach-Campground wirst du zwar ohne Reservierung mitgenommen, aber die Lodge ist auch sehr, sehr teuer.

Dementsprechend happy war ich, uns tatsächlich zwei Plätze im früheren der beiden Busse reservieren zu können. Durch die wenigen Busplätze und den 11 km langen Weg, den nicht viele Menschen auf sich nehmen, gelangen täglich vergleichsweise nur sehr wenige Touristen zum Lake O’Hara. Die Vorfreude war groß und dann kam der Tag unserer Tour!

Lake O'Hara

Lake O’Hara

Lake Oesa

Lake Oesa

Le Relais

Le Relais Day Use Shelter

Lake O'Hara Parkplatz

Lake O’Hara Parkplatz

Emerald Lake

Emerald Lake

Natural Bridge

Natural Bridge

Eine abenteuerliche Fahrt zum See

Wir stehen sehr früh auf, denn wir müssen noch von unserem Quartier bei Banff bis zum Treffpunkt am Parkplatz des TCH im Yoho fahren – nicht gerade um die Ecke. Am Vorabend haben wir uns schon Lunchpakete gepackt und alles zurechtgelegt, damit wir auch wirklich zeitig loskommen.

Leider regnet es zunächst und ist ziemlich kalt. Nicht gerade das ideale Wanderwetter, die letzten Tage war es viel besser, aber so ist das eben mit Reservierungen – wir können uns glücklich schätzen, überhaupt einen Platz bekommen zu haben.

Am Parkplatz und Trailhead zum Lake O’Hara warten schon einige andere Urlauber – wir sind etwas spät dran, aber noch rechtzeitig. Beim Shuttle handelt es sich tatsächlich um einen typischen, gelben amerikanischen Schulbus, den wir wahrscheinlich alle aus dem Fernsehen kennen – außen hui, innen pfui. Die Sitzbänke sind für Kinder ausgelegt, haben praktisch keine Beinfreiheit, aber wir kommen klar, denn es werden viel weniger Menschen transportiert, als eigentlich Platz hätten.

Eine Erfahrung der besonderen Art ist die Fahrt selbst: Die kleine Schotterstraße wartet mit etlichen Schlaglöchern, Kurven, Steigungen und Gefällen auf, die der Fahrer routiniert, aber ruppig meistert – hat dieser Bus überhaupt eine Federung? Man könnte meinen, irgendwann bricht die Achse.

Der Weg führt hauptsächlich durch Wald, keine besonders attraktive Strecke für die, die sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben. Da wir nur langsam vorankommen, brauchen wir eine knappe halbe Stunde bis zur Endstation bei „Le Relais“, einer Schutzhütte.

Erste Blicke auf den See – im Regen
Erste Blicke auf den See – im Regen

Viele tolle Trails für alle Schwierigkeitsgrade

Nun sind wir zwar da, aber das Wetter spielt noch nicht so richtig mit… Es gießt inzwischen in Strömen und wir stellen uns noch etwas unter und warten, ob es nicht besser wird. Von den hohen Bergen um uns herum sehen wir kaum etwas, da die Wolken so tief hängen.

Dann lässt der Regen zum Glück nach. Wir machen uns auf den Weg, noch ein paar Schritte, dann liegt er vor uns: Der Lake O’Hara. Okay, im Sonnenschein würde seine türkisblaue Farbe bestimmt noch eindrucksvoller schimmern, aber wir können es auch so schon erahnen.

Lake O’Hara, Blick Richtung höher gelegenem Oesa Lake

Icon HikingDie Hauptattraktion ist nicht nur der See selbst, sondern das ganze Gebiet mit weiteren, kleineren und teils von Gletscherwasser gespeisten Seen auf höher gelegenen Plateaus und die benachbarten Berge. Das alles wird von mehreren Trails erschlossen, die zu den schönsten Wanderungen in den ganzen kanadischen Rockies zählen.

Die einfachste Tour besteht aus einer simplen Umrundung des Lake O’Hara (2,8 km), weitgehend flach und am Ufer entlang – aber eben auch nicht mit der schönen Aussicht von weiter oben. Da mich auch die Hochplateaus reizen, habe ich für uns die folgende Route zusammengestellt: Vom Lake O’Hara zum Lake Oesa, von dort über einen schmalen Bergpfad über Yukness Ledges zum Opabin Plateau und dann wieder zurück zum Lake O’Hara. Insgesamt gut 10 km Strecke mit einiger Höhendifferenz, weshalb ich sechs Stunden eingeplant habe.

Doch leider kommt es anders:

Nach den ersten paar hundert Metern am Seeufer entlang beginnt der Aufstieg Richtung Lake Oesa. Als wir schon einiges an Höhe gewonnen haben, kommen uns zwei Wanderer entgegen, die wir auch schon im Bus gesehen haben, aber irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Sie erzählen uns, dass es weiter oberhalb durch den Regen sehr rutschig geworden ist und die Frau stürzte. Sie hat sich offenbar das Handgelenk gebrochen und die beiden gehen zurück zur Bushaltestelle.

Hmm, so ein Mist! Wollen wir es unter diesen Umständen wagen? Die beiden sahen wie routinierte Wanderer aus, waren gut ausgerüstet, mit richtigen Wanderschuhen. Wir wollen es nicht darauf ankommen lassen und beschließen, lieber umzukehren. Wir trösten uns damit, noch ein paar Fotos schießen zu können, wir sind ja schon ein Stück oberhalb des Sees. Dann steigen wir wieder hinunter.

Lake O’Hara von oben
Lake O’Hara mit Cathedral Mountain

Weiter rund um den See

Nun halten wir uns einfach an die gemütliche Runde um den See. Das Wetter wird langsam besser und es gibt auch hier einiges zu sehen: Wasserfälle und Bäche, die sich in den See ergießen, ein donnernder Geröllabgang in der Ferne, eine wenig scheue Wasseramsel am Ufer. Und uns fällt auf, wie wunderbar klar das kalte Seewasser ist.

Der Trail führt direkt am Seeufer entlang
Der Trail führt direkt am Seeufer entlang

Beim Wandern sehen wir nur wenige Menschen, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht haben, meistens sind wir allein. Und das fühlt sich großartig an, auch wenn man natürlich immer etwas auf der Hut sein muss, weil es hier auch Grizzlies gibt, die wir lieber nur aus sicherer Entfernung oder noch besser vom Auto aus sehen wollen. Aber wir bekommen einen Eindruck davon, wie es ein paar Jahrzehnte früher auch an anderen Seen im Banff und Jasper Nationalpark gewesen sein muss – keine Busladungen an Menschen, keine Selfie-Sticks – sondern Stille, nur die Klänge der Natur.

Was für ein Glück, dass die Nationalparkverwaltung diesen Zustand am Lake O’Hara weitgehend bewahrt hat!

Gemütlichkeit im „Le Relais“

Da wir nun ja weitgehend flach am Seeufer entlang gewandert sind, konnte uns dabei auch nicht wirklich warm werden. Wir sind also froh, uns nun in die beheizte und bewirtschaftete Schutzhütte „Le Relais Day Shelter“ zurückziehen zu können, die vom Lake O’Hara Trails Club betrieben wird.

Dort gibt es ein paar Sitzgelegenheiten und Snacks, wir entscheiden uns für Muffins und heißen Tee. Nach dem kühlen Tagesbeginn ist der Holzofen nun unser bester Freund. Wir kommen noch mit deutschen Auswanderern ins Gespräch, die vor 35 Jahren von Gummersbach nach Kanada aufgebrochen sind, ein interessanter Austausch.

Schließlich nehmen wir mittags einen Bus zurück zum TCH. Bei einer längeren Wanderung (und besserem Wetter) hätten wir es sicherlich viel länger am schönen Lake O’Hara ausgehalten.

Ein bisschen Sonne am Lake O'Hara
Ein bisschen Sonne am Lake O’Hara

Kontrastprogramm: Der Emerald Lake

Da wir nun noch etwas Zeit haben geht es weiter in den Yoho National Park, Richtung Emerald Lake. Der ist zwar genauso schön wie der Lake O’Hara, aber mit dem Unterschied, dass man dort mit dem Auto hinfahren und parken kann. Es ist brechend voll mit Touristen.

Das Wetter ist inzwischen wieder schön, wir wandern ein bisschen um den Emerald Lake, wenn man ein paar Schritte von den Restaurants und Parkplätzen wegläuft, wird es auch wieder etwas ruhiger. Aber trotzdem kein Vergleich zum Vormittag.

Jetzt wissen wir es noch mehr zu schätzen, dass der Lake O´Hara ein Schutzgebiet ist, das täglich nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird.

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Fazit

Wir hatten zwar etwas Pech mit dem Wetter und konnten nicht den Lake Oesa und das Opabin Plateau erwandern, der Besuch des Lake O’Hara war aber trotzdem ein großartiges Erlebnis. Es ist einfach etwas Besonderes, zu einem kleinen Kreis zu gehören, die dieses schöne Fleckchen Erde zu Gesicht bekommen.

So muss es sich auch an anderen Seen in den kanadischen Rockies früher einmal angefühlt haben! 🙂

fernweh-logo-gruen-150Tipps

 

Wie du es schaffst, einen Platz im Bus zu ergattern

Wie bereits erwähnt können Tagesbesucher nur zu Fuß (11 km Wanderung) oder mit einem Shuttle-Bus der Nationalparkverwaltung zum Lake O’Hara gelangen.

  • Der Bus fährt nur 2 x täglich zum See (8:30 und 10:30 Uhr; zurück häufiger) und ist reservierbar. Früher war dies nur telefonisch möglich, aber seit 2016 funktioniert die Reservierung auch online über die offizielle Website: Zur Reservierung
  • Bei „Reservation Type“ wählst du „Day Use“ aus und dann bei Park „Yoho-Lake O’Hara“.
  • Reservierungen werden erst ab April angenommen, für 2017 ist das der 20. April ab 16 Uhr deutscher Zeit. Ich empfehle dringend, schon vor 16 Uhr am Rechner zu sitzen, das Wunschdatum etc. auszuwählen und möglichst sekundengenau um 16 Uhr auf „Reserve“ zu klicken!

In unserem Fall gab es schon einige Sekunden nach 16 Uhr keine freien Plätze mehr für die kompletten Monate Juli und August! Ich war in Kontakt mit einer Bekannten, die es ebenfalls punktgenau zur Öffnung des Zeitfensters versucht hat, ohne Erfolg. Es gehört also auf jeden Fall ein Quentchen Glück, aber auch eine gute Vorbereitung am Computer dazu, um schnell sein zu können.

Hast du es geschafft? Dann kannst du dich wirklich glücklich schätzen und freuen, zu den Auserwählten zu gehören.

Warst du nicht erfolgreich? Dann kannst du immer noch überlegen, ob du 30-60 Minuten vor Busabfahrt vor Ort sein willst, um auf einen „No-show“ zu spekulieren. Oder ob du die 11 km zum See zu Fuß auf dich nehmen willst.

Trails / Wanderrouten

Ein gute Übersicht mit Beschreibungen, Karten und Fotos der verschiedenen Wanderungen am Lake O’Hara gibt es auf der Seite des Lake O’Hara Trails Club.

Habe ich dich neugierig gemacht, konnte aber noch nicht alle Fragen beantworten? Oder warst du sogar schon am Lake O’Hara und hast eigene Erfahrungen?
Wie auch immer, in jedem Fall freuen wir uns über deinen Kommentar! 🙂

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